Verbundenheit
Die Welt scheint im Moment erfüllt zu sein von Themen der Spaltung, der Abgrenzung, der Abneigung. Wir sind auf der Suche nach den Dingen, die uns nicht gut tun könnten, analysieren unser Leben, unsere Beziehungen, unseren Job, und finden in all dem tausend Dinge, die uns nicht guttun. Wir leben unsere eigene Abgrenzung. Der Ehemann? Ein Narzisst! Der andere Staat? Ein Zerstörer! Die andere Partei? Blödmänner! Die Ehefrau? Eine ewig Unzufriedene! Die Kinder? So kompliziert! Die Liste ist endlos weiterzuführen…
Was passiert in uns, wenn wir uns in dem Abwerten der oder des Anderen verlieren? Vermeintlich steigt kurz der eigene Wert. Vermeintlich sind wir die, die es wissen. Wir sind die Opfer, wir sind die, denen Schaden zugefügt wird.
Wir kündigen Arbeitsverhältnisse, Freundschaften, Beziehungen, distanzieren uns von unseren Eltern, Geschwistern, Kindern. Weil uns all das schadet. Wie häufig fällt in den Therapien der Satz: „Du musst dich abgrenzen lernen.“
Grenzen sind ganz natürlich, manchmal unglaublich notwendig: wenn wir etwas als „Nicht-Unseres“ wahrnehmen, oder wenn wir spüren, dass schadende Energien in unser Feld eindringen. Wir müssen nicht die Themen der anderen zu unseren machen, haben auch nicht die Möglichkeit, ihre kindlichen Wunden komplett zu heilen. Ohne Grenze könnte sich keine Eigenenergie formen. Die körperliche Grenze ist unser Prisma, durch das wir die Außenwelt erleben, und durch das sich unsere Innenwelt formt.
Wenn wir jedoch allzu beschäftigt sind mit Abgrenzung, ist die Gefahr, am Ende ohne Verbindung zu sein, einsam und ohne rechten Platz.
Es fehlt der Satz: „Womit möchtest du verbunden sein?“
Wenn wir uns lebendig fühlen möchten, erfüllt, bedeutungsvoll und sicher in dieser Welt, dann brauchen wir die Verbindung zu ihr. Wir brauchen die Bande zwischen unseren Ahnen, uns und unseren Kindern, dieVerbindung zwischen dem Wald und unserer Lunge, der Sonne und unserem Herzen. Wir brauchen den tieferen Blick in die Augen unserer Mitmenschen, so tief, bis wir uns selbst darin sehen. Es ist herrlich, sich manchmal in ihnen zu verlieren! Wir brauchen das Gefühl, zu teilen, und teilzuhaben. Mit unserem klaren Selbst in ein großes Ganzes einzutauchen, und sich manchmal auch darin aufzulösen.
Der Genuss der Verbundenheit braucht eine Renaissance.
Face to face, skin to skin, heart to heart.
Helena Junker-Kukolja